Klangwerkstatt Tönning

Und weiter geht es in Tönning. Hier sind unsere Hauptdarsteller, die 7 b der ETS mit ihrer nervenstarken Lehrerin Nina Rother. Eine wirklich tolle Truppe an einer super Schule in einer quirligen historischen Stadt mit Naturraum Wattenmeer am Tor zur Halbinsel Eiderstedt. Ideal für die Exkursionen der StadtKlänge, denn Tönning ist eine Stadt der kurzen Wege - alle Attraktionen fußläufig erreichbar. Klima und Klima und städtisches Feeling sind sehr angenehm, auch wird hier Dänisch gesprochen ...

Selbstversuche vom Blindsein

Auf den zahlreichen Internetseiten, die sich mit dem Blindsein beschäftigen, sind sogenannte Sehbehinderungs-Simulatoren zu finden. Durch sie kann der sehende Mensch einen Einruck erhalten, was es bedeutet, nur noch eingeschränkt oder gar stark behindert sehen zu können. Dieser Eindruck wird durch Gegenüberstellung entsprechender Bilder mit identischem Motiv in ungleicher Konturenschärfe und Hell-Dunkel-Kontraste simuliert. Ganz pragmatische Versuchsabfolgen ähnlicher Natur bot das StadtKlang-Projekt seinen Akteuren während eines intensiven Workshops in Tönning, der neben inhaltlicher Projekteinführung und Erstbegegnung mit der Technik auch das Thema Inklusion behandelte. Am Anfang stand die erwähnte  "Versuchsanordnung" im pragmatischen Selbsttest. Jeder kennt natürlich die Momentaufnahme von nicht-sehen-können, wenn ich die Augen kurz schließe und trotzdem weiter gehe.  Als Steigerung gab es jetzt Gelegenheit, das eigene Sehvermögen durch Simulationsbrillen von schwach bis stark einzuschränken. Diese Selbstversuche setzten die Schülerinnen und Schüler in den Stand, sich über einen längeren Zeitraum ein eigenes Bild darüber zu machen, was Blindsein und eine dadurch erzeugte Abhängigkeit zu sehenden Menschen bedeutet. Die Simulationsbrillen schränkten ihre Träger nachhaltig ein. Nach einer gewissen begeisterten Neugier der Akteure, an diesen Selbstversuchen teilzunehmen, kam dann auch schnell die Ernüchterung. Das Selbstwertgefühl wurde zusehends geringer - Grundriss, Raum und Gegenstände erschienen nur noch unpräzise bis nahezu vollständig verschwommen oder verdunkelt.  Der Blick für das Gesamtgeschehen mit seinen vielen Details ist den Probanden verschlossen. Versuche mit oder ohne Blindenstock den Parcours  auf dem Schulflur samt Treppenstufen erfolgreich ohne Anstöße zu bestehen, endeten meist im schiefen Gang der Orientierungslosigkeit mit dem einen oder anderen blauen Fleck. Da ist es schon gut, die helfende Hand sehender Menschen zu haben. Auch reichten unsere blinden Projektteilnehmer ihre helfende Hand, denn ihr individuelles Vermögen,  trotz Seheinschränkung erfolgreich Perspektiven der Orientierung in physischer Unversehrtheit zu erreichen, kam für viele der Schülerinnen und Schüler überraschend. So brachte diese Begegnung erste gemeinsame Bilder zustande. Der verantwortungsvolle Umgang miteinander war fortan selbstverständlich.  Er wurde zur Prämisse des gemeinsam gestalteten Projektverlaufs.

Okay ! Inklusion

Das Projektanliegen der StadtKlänge  zielt auf ein solidarisches und emanzipatorisches Gemeinschaffen, welches die Akteure nicht in der Gemeinschaft gleichschaltet, sondern das Einzigartige, das Andersartige und das Besondere zu entscheidenden Qualitäten des Miteinanders macht. Dieses Ziel ist nach den hervorragenden Ergebnissen in der Klangwerkstatt der ETS in Friedrichstadt nun auch unter den ETS-Akteuren in Tönning erreicht. Das Zusammenwirken unserer sehbeeinträchtigten Projektbegleiter mit den aufgeschlossenen Schülerinnen und Schülern des 7. Jahrgangs hat eine durch und durch gelungene Inklusion erreicht: Die Akteure mit Einschränkung verloren ihren besonderen Status der Andersartigkeit und die Medienarbeit kam - von jedweder "Leistungshomogenisierung" befreit - problemlos zur Anwendung. Vielfalt ist normal, alle Akteure sind unterschiedlich, anders, einzigartig, individuell. Es herrschte ein bekennender Verzicht auf Gleichschaltung und "Normalisierung"  unter den Akteuren. Nicht die Akteure werden im Projekt "passend" gemacht - das Projekt passte sich zu jeder Zeit den Akteuren an. So ist den StadtKlängen ein inklusives System von Flexibilität implantiert, das mit unseren ETS-Akteuren hervorragend funktioniert hat - gemeint ist das  gemeinsame und intensive Lernen der Akteure mit und ohne Beeinträchtigung in unserem Projekt. Das inklusive System hat die Akzeptanz von Unterschieden und individueller Andersartigkeit thematisiert. Für Diversität gegen gegen Stillstand, gerade in dieser Spitze sind die StadtKlänge ein echtes Projekt der Inklusion (und nicht der Integration). Die Inklusion zeigt sich in der Bewegung des sozial-künstlerischen Prozesses des Projekts. Dementsprechend  das weite Spektrum der von den Akteuren in der Klangwerkstatt künstlerische erzeugten Klangereignisse. Sie sind auf dem beiliegenden Tonträger nachhörbar und garantiert nicht "leistungshomogenisiert". Alles individuell und sehr anders, obwohl doch "nur" die Wahrnehmung unserer aller und einzigen Umwelt zur Anwendung kam. So zeigte auch unsere aktuelle Projekterfahrung mit dem 7. Jahrgang der ETS weder Züge von sozialer Kulturarbeit noch kultureller Sozialarbeit.  Weder wurde der künstlerische Arbeit überbetont, noch die künstlerischen Techniken ihren pädagogischen Zwecken und Zielen untergeordnet. Effekte sind vielmehr die Stärkung der Akteure in ihrer Selbstkompetenz, Selbstbefähigung. Hierbei denken wir auch an Vertrauen und Akzeptanz und Teilhabegerechtigkeit bei den teilnehmenden Schülerinnen und Schülern der ETS.

Tönning an der Pinnwand

Bereits in den Unterrichtsstunden hatte die Klasse mit ihrer Lehrerin Nina Rother die Stadt fest im Griff. Gemeinsam diskutierten sie bereits Anlaufstellen und mögliche Klänge, die sich die Schülerinen und Schüler wünschten aufzunehmen. Dass einiges nun doch noch etwas anders kam, war das Resultat der Diskussion während des WorkShops. Positive Aufregung und Disziplin der Klasse waren schon beeindruckend, so dass die Routen und Teilnehmergruppen der fünf anstehenden Exkursionen schnell gefunden wurden.

Gruppen und Exkursionen

Exkursion I:

 

 

 

 

Klangforscher Regina (mit Begleitung), Auri, Mathis, Florian, Verona, und Vilius  mit Gruppenbegleiter Daniel Hofmann

Exkursion II:

 

 

 

 

Klangforscher Henning, Kevin, Finn, Parimah, Leo und Carolin (nicht auf dem Bild) mit Tobi und Gruppenbegleiter Ben Heuer

Exkursion III:

 

 

 

 

Klangforscher Jana, Yeldryk, Erik, Nico und Marie mit Hela und Gruppenbegleiterin Nina Rother

Exkursion IV:

 

 

 

 

Klangforscher Chantal, Joline, Rilana und Jordan mit Gruppenbegleiterin Ingrid Ebinal

Exkursion V:

 

 

 

 

Klangforscher Kerry, Alicia, Mette, Elif und Yanneck (nicht im Bild) mit Anna und Gruppenbegleiter Dirk Bertram

Die Rechner im Visier

Die Tönninger Teilnehmer erarbeiteten ihre Projekte meist allein oder im Duo. Dabei wurde sich aber auch ausgetauscht und Tipps und neue Erfahrungen wurden schnell untereinander geteilt. Sätze wie „Probier mal das.“ oder „Hör mal wie das jetzt klingt.“ vernahm man erfreulich häufig. Die Schüler der ETS hatten ein besonderes Interesse am Herumprobieren mit den On-Board-Effekten des Audiobearbeitungsprogramms Audacity. Diese Freude an der Verfremdung der unterschiedlichen Sounds gipfelte bei einigen sogar in der intensivieren Auseinandersetzung mit den speziellen Effektparametern und somit dem Grundverständnis spezifischer Ankerpunkte im Erstellen von Soundcollagen. Anfängliche Probleme in den Speichervorgängen nach den Unterrichtseinheiten – dem Serversystem geschuldet – brachten die Akteure nicht aus der Ruhe und wurden kreativ umgangen. So wurden die Schüler nebenbei auch an die in der Medienarbeit so wichtige Fähigkeit zu „Digitaler Improvisation“ herangeführt. Ein schöner und wichtiger Nebeneffekt.

Pastoren an der Orgel - Stadtgeklappere - noch mehr Küstenklänge

Mit dem Abschluss der StadtKlänge in Nordfriesland ist auch der angekündigte Dreiklang der Westküste zu einer vorläufigen Vollendung gekommen. 120 Schülerinnen und Schüler, 5 Schulen über 3 Landkreise (Steinburg, Dithmarschen und Nordfriesland) sind beteiligt - bis heute. Vorläufig deswegen, weil der Dreiklang eventuell noch ajoutiert wird um eine Sexte (um in der Sprache der Musik zu bleiben), und diese Sexte ist auf den Inseln vor unserer Nordseeküste zu finden. Vorerst noch alles Zukunftsmusik. Jetzt geht es um die Schülerinnen und Schüler der Eider-Treene-Schule. Sie sind unsere Klangforscher in der dritten Phase des Projekts. Die ETS-Akteure in Friedrichstadt und Tönning haben überaus komplexe Ergebnisse aus der Klangforschung ihrem unmittelbaren Lebensumfeld entlockt. Es ist eine große Freude für alle Beteiligten, wie aus anfänglich diffusen Vorstellungen, was denn Klang sei und was mit ihm anzufangen sein könnte, letztendlich ein ganz konkretes Unterfangen von einem geräuschvollen Stadtbild gewachsen ist. Am Ende die Erkenntnis, wie substanziell  doch unsere Wahrnehmung der Lebensumgebung und deren tatsächliches Bild von auditiven Ereignissen geprägt ist. Die Klassen in beiden nordfriesischen Städten haben uns begeistert, denn sie waren neugierig, hatten Freude an der gemeinsamen Zeit und brachten mit Bravour die notwendige Disziplin auf für ein wirklich umfangreiches Programm auf dem Parcours im außerschulischen Raum wie auch im alltäglichen Schulalltag. Der Weg war weit und zuweilen auch kompliziert. Hier ein Resümee.

 

Die Form

 

Hörfilme und akustische Szenarien, sinfonisches Klangstück oder Klangdokumentationen – es gibt vielfältige Möglichkeiten, sich dem Thema „Wie klingt unsere Stadt“ anzunähern. Wie kann das Endprodukt aussehen? Um diese Frage zu beantworten, einigten sich die Teilnehmer auf eine endgültige Form, ob das Endprodukt dramaturgisch inszeniert (Hörfilm) oder „sinfonisch“ als Form der Musik konzipiert sein soll. Die Teilnehmer stimmen einer individuell und kreativ gestalteten musikalischen Konzeption des Endprodukts zu. Dabei sollen die aufgenommenen Klänge sowohl natürlich als auch verfremdet in einer eigenen "Komposition"  verarbeitet werden (Musique Concrète). Hierbei ist bald schon auch die dokumentarische Ausrichtung - wie z.B. die Erstellung eines Audioguides für die Stadt - in der Projektarbeit fokussiert.

 

Die Elemente

 

Für das jeweilige Klangstück der Akteure wurden so genannte Denkmäler aus der persönlichen Exkursion durch die Stadt akustisch inszeniert. Die individuellen Sehenswürdigkeiten sind  dabei als Charakteristika der Stadt in „Hörenswürdigkeiten“ transformiert. In jedem einzelnen Fall ist entschieden, welche Sehenswürdigkeiten sich in der Praxis interessant anhören und im Klangstück vorkommen soll. Den Schülerinnen und Schülern gelang es auf Anhieb, ein Verständnis zu den jeweiligen Klangatmosphären einzelner Plätze zu entwerfen und so schon bald eigene SoundScapes zu entwerfen. Zuvor sammelten sie ihre Klangereignisse im gemeinsamen SoundPool, woraus später die Kompositionen gespeist wurden - ein ziemlich komplexer Vorgang spätestens dann, wenn die jeweiligen Geräuschdateien wie beispielsweise Wasser und Wind in Rhythmik und Metrik kompositorisch verändert werden. Hier profitierten unsere ETS-Schülerinnen und Schüler von einer bemerkenswerten Übersicht und Kreativität.

 

Das Bild hören

 

Eine besondere Herausforderung an unsere Akteure ist immer wieder , aus der Perspektive einer Sehbeeinträchtigung die Stadt erfahren und lernen zu wollen. Kein einfaches Unterfangen, denn jetzt müssen der Klangerfassung weitere Dimensionen und Übersetzungsformate des Wahrnehmungsaktes zugeordnet werden. Dabei waren die Erfahrungsberichte unserer blinden Begleiter Anna, Tobi, Hela und Regina eine gute Hilfe. Sie halfen den Schülerinnen und Schülern auf ganz unkomplizierte Weise bei der gemeinsamen Erkundung der Klangräume. Auch später im Computerraum, als es an das Finden und Bearbeiten der aufgenommenen Sounds ging, half die  einzigartige Hörsensibilisierung unserer blinden Freunde, die einzelnen Klänge und Atmosphären für die Aufnahmen zu selektieren und zu bewerten. Ihre Einschätzungen führten hin zum gemeinsamen Hinwenden, Hinhören und Weiterführen des Klangereignisses. So ergeben sich verschiedene Geräuschquellen wie Menschen, Tiere Hinweise auf „Leben“, ebenso indirekte Geräusche wie Musik, Sirenen oder Baustellenlärm. Auch das städtische Grundrauschen und die spezielle und persönlich empfundene Atmosphäre der Umgebung sind einem ständigen Wechsel unterworfen, wodurch Verständnis und Orientierung sich schnell verändern können. Doch wurde schon bald herausgefunden, durch welche Emotionen und Zustände einzelne Plätze der Stadt geprägt sind. Charakterisierungen von Klangplätzen sind bis in die letzte Feinheit zwar immer schwer vorzunehmen, doch Kennzeichnungen  wie Ruhe und Entspannung, Bedrohung, Lärm, belebt oder fröhlich etc. sind verhältnismäßig eindeutig zuzuordnen.

 

Das Hören gestalten

 

Die Vorstellungen von Klangwelten aus Sicht unserer Klangkünstler und Aufnahmetechniker zeigen den Akteuren weitere Aspekte, die zu entdecken sind. Dabei ist die Umgebung musikalisch zu gestalten nur ein Ansatz - die Dokumentation der Geräusche hingegen ein ganz anderer. In beiden Fällen sind allerdings die prägenden Einflüsse auf das Klangereignis zu berücksichtigen, die meistens vorher bereits feststehen, aber erst einmal entdeckt werden müssen. Bei der Entscheidung, welche „Hörenswürdigkeiten“ verarbeitet werden sollen, haben die Akteure sorgfältig nachfolgende Faktoren berücksichtigt:

• Zeitablauf der Geräusche (nacheinander) oder Gleichzeitigkeit (synchron) • Grundschwingung der Geräusche - geht es um Monotonie oder um Spannung • Tageszeit der Aufnahme - bevölkerter Ort zur RushHour oder leerer Platz vormittags • die Jahreszeit - Stille im Winter bei Schnee oder das Rauschen der Bäume im Sommer • das Wetter: So ist bei Regen oder Nässe eine andere Dynamik und Vielschichtigkeit (Höhe, Tiefe etc). der Klangumwelt wahrzunehmen als bei trockenem Wetter (und die Technik ist zudem beeinträchtigt) • die Entfernung zum Standort (ist es Nahaufnahme oder ein fernliegendes Objekt) • die Tiefenstaffelung der Geräusche: Jede Klangumwelt besitzt eine Tiefenstaffelung – es  gilt herauszufinden, was sich wo im Klangbild befindet (von nah bis fern gleichermaßen oder bevorzugt ausgewählt)

Was hier wie eine Gebrauchsanweisung des guten Hörens klingt, wurde von den Schülerinnen und Schülern beider ETS-Klassen sorgfältig beobachtet und bei den Aufnahmen berücksichtigt. Ein Höhepunkt bei der Planung möglicher und interessanter Klangquellen der Stadt wäre allerdings das 360°- Klang-Panorama auf dem Kirchturm gewesen. Als Höraussichtspunkt hätte hier das

Klangnetz des Stadtraums umfassend eingefangen werden können. Leider ist dies nicht umsetzbar gewesen. Jedoch bot sich "ersatzweise" der  Innenraum der Kirche an mit seiner interessanten Klangatmosphäre aus Widerhall und Tiefe. Um dies eindrucksvoll zu demonstrieren, setzten sich in beiden Städten die Pastoren an die Orgel - exklusiv spielten sie für die Schülerinnen und Schüler.

 

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