Stadtraum Schule - Lernraum Stadt

StadtKlang in Friedrichstadt

Friedrichstadt ist auf dem Weg zu einer Modellstadt für das Land. Hierfür gibt es auch ein Konzept: "Vision 2030+ | Holländerstadt – Brücken in die Zukunft" nennt es sich und entwirft eine Vision des Wahrnehmens und Lernens. Dabei kann sich die Stadt gerade in den Sommermonaten kaum attraktiver zeigen. Die Stadt strahlt aber auch bei Restschnee, als wir mit dem Projekt "Wie klingt unsere Stadt" in Friedrichstadt starten. Reich an Superlativen: Einmalige Architektur, Wasser wohin das Auge reicht, Historie pur und nicht zu vergessen die netten  Menschen, die hier leben und ihre Stadt lieben. Friedrichstadt ist wirklich einmalig.

Vielleicht können die Schülerinnen und Schüler der ETS gemeinsam mit den sehbeeinträchtigten Akteuren des StadtKlang-Projekt noch etwas ganz eigenes zur Attraktivität der Stadt betragen. Es handelt sich um ein Kreis übergreifend konzipiertes  Projekt der Medienpädagogik, Inklusion und Klangkunst.  Ziel ist es, mit SchülerInnen in Schleswig-Holstein "Hörfilme" / “Akustische Szenarien” für Blinde und Sehbeeinträchtigte zu erstellen, um sich ein Bild von unserer Umgebung aus dokumentierten Geräuschen und gestalteten Klängen zu machen – aber auch einen Beitrag zur engagierten Außendarstellung (dokumentarisch wie künstlerisch) einer Stadt in ländlicher Region zu leisten. Ergebnisse sind u.a. akustische "Denkmäler", auditive Klangpfade und künstlerische Klangerzeugnisse (SoundScapes) - "Hörfilme" nicht nur für Blinde. Beteiligt sind jeweils ausgewählte Schulen, der Offene Kanal Westküste und der Blindenverband Schleswig-Holstein. Der Pilot startete 2016 in Itzehoe für den Kreis Steinburg und fand seine Fortsetzung 2017 in Meldorf für den Kreis Dithmarschen.  Jetzt in 2018 geht das Projekt nach Friedrichstadt und dann auch nach Tönning, um gemeinsam mit der ETS den sogenannten "Dreiklang der Westküste" zu vollenden. Wir erforschen die Stadt und die Stadt weist uns die Wege!

Die Akteure - unsere Klangforscher!

Und hier sind sie nun, unsere Stars - die Hauptdarsteller des Projekts - die Klasse 7 c mit ihren Lehrern Susanne Paulsen und Horst Hansen. Dazu unsere Sehbeeinträchtigten vom Blindenverband Schleswig-Holstein und die Stadtführerin Christiane Thomsen, die uns erst die Stadtgeschichte und dann bekannte wie auch manch unentdeckte Sehenswürdigkeit in Friedrichstadt näher brachte. Dies alles in einem eng getakteten Workshop zu Beginn unserer Exkursionen durch die Stadt. Sieht alles mächtig nach Arbeit aus - hat aber reichlich Spaß gemacht, unter die Entdecker zu gehen und neue Perspektiven aus dem Stadtplan herauszulesen. - Und wer übrigens glaubt, dass Jungs und Mädels in Nordfriesland alle Fiete, Piet und Tjark heißen oder Rieke, Wiebke und Bente - der irrt gewaltig. Unsere Akteure lassen sich Joline, Gillian, Vilius, Auri und Dania rufen - um nur ganz wenige zu nennen. Später lernen wir sie alle noch näher kennen.

Die TimeLine zum Auftaktworkshop

Blind sein - Inklusion und Selbstvertsuch

Ein großes Anliegen ist es, den Akteuren die inklusiven Effekte ihres Projekts erfahrbar zu machen. Dazu gehört die Entwicklung einer wechselseitigen Verantwortung - geprägt von Respekt und Partnerschaft. Unsere Akteure aus Friedrichstadt sind da - zu unserer großen Freude - schon sehr weit. Der Umgang mit Beeinträchtigung ist nichts Befremdliches für sie - die positive Einstellung bemerkenswert. Was fehlt, ist die Vorstellungskraft, wie denn eigentlich wahrgenommen wird, wenn das Sehvermögen nachlässt. Wohin führt uns die Orientierung? Wie empfindet sich die Selbstwirksamkeit unter diesen Umständen? Antworten auf diese und viele andere wollten wir finden im Intensivworkshop zum Projekt. Hierbei halfen unsere blinden Begleiter Anna, Henne und Tobi. 

 

Mit Stock und Stufen ...

 

Nach einer anregenden Diskussion über Inklusion und deren Bedeutung für das gesellschaftliche Miteinander kam es dann zur ersten Selbsterfahrung der Schülerinnen und Schüler mit einer Seheinschränkung. Simulationsbrillen zu unterschiedlichen Stärkegraden von "Nicht-richtig-sehen-können" wurden aufgesetzt. Aus einer experimentellen Vermutung wurde tatsächliche Betroffenheit mit direkter Auswirkung auf das eigene Verhalten. Schritte wurden "überlegter", der Gang suchte ständig nach Anlehnung zur eigenen Sicherheit, Hindernisse und Höhenunterschiede wurden mit dem Blindenstock ertastet. Der Blindenstock wirkt wie eine Richtungsnadel auf einem Kompass. Und wie so oft, auch hier macht Übung den Meister.

Töne - Klänge - Geräusche

Bevor wir zu den einzelnen Verortungen der Stadt anhand des Stadtplans und vor allem der sehr hilfreichen Anregungen der Stadtführerin Christiane Thomsen übergingen, stand noch ein wenig Theoretisches auf dem Programm: Was ist das eigentlich, was wir hören? Sind das Klänge oder Töne oder Geräusche? Grundsätzlich gehen wir von der Beobachtung aus, dass die ganze Welt Klang ist und wir als Menschen in ihr existieren, indem wir uns erfolgreich mithilfe unseres Gehörs in ihr orientiert.

Große Klappe

 

Alles was klingt kann das nur durch die Schwingungen, die ein Hörerlebnis erst möglich machen. Alles was wir hören sind schwingende Hörereignisse. Hören ohne Schwingungen geht nicht. Dabei unterscheiden wir zwischen Tönen, Klängen und Geräuschen. Ein Ton ist ein einfaches Schallerereignis, ein einfaches Audiosignal - mit genau einer Schwingung. Hier stellt man sich am besten eine Stimmgabel vor. Die Steigerung ist ein Klang. Er ist ein Hörereignis, das in mehr als einer Schwingung tönt. Ein Klang ist definiert durch eine harmonische Überlagerung des Grundtons mit Obertönen. Es entsteht ein Klangkörper. So ist der Klang schon komplexer als der Ton. Doch noch viel komplexer sind die Geräusche. Sie sind "Ton-Haufen" - auch Cluster genannt. Sie enthalten zahlreiche Schwingungen - unreguliert, ohne ein ordnendes Verhältnis - tendenziell chaotisch. Den bestimmten Charakter eines Geräusches prägt die stärkste und dominierende Schwingung im Cluster, die alles überlagert. Man könnte auch sagen: Das Geräusch hat die größte Klappe im Chor.

Unsere Hör- und Wahrnehmungspraxis hat sich gewandelt. Mit dem Wachsen der Städte ist ist auch ein Anwachsen des  Lärmpegels um uns herum zu beobachten. Diese akustische „Umweltverschmutzung“ hat das Gehör entsprechend konditioniert,  auf bestimmte Signale und Geräusche zu reagieren oder aber den vielschichtigen Klangteppich unserer Umgebung auszublenden. Dennoch ist es nicht möglich, den dauerhaften und durchgängigen Geräuscheinwirkungen zu entkommen. Wir können die Ohren nicht einfach verschließen, wie wir die Augen schließen, wenn wir etwas nicht sehen wollen. Gehört wird immer – gesundheitliche Einschränkungen ausgenommen, ja selbst die Stille wird gehört. Klangumwelten sind in einzelne Klangereignisse zerlegbar, die gewollt, ungewollt, vermeidbar oder zielgerichtet geplant sind. Uns geht es in jedem Fall um die Auflösung der Rivalität unserer Sinne von Hören und Sehen. Das werden wir dann hoffentlich ganz intensiv und ohrnah während unserer Expedition durch die Stadt erleben. Das ist das die sogenannte "Feldphase" des Projekts.

Die Stadt an der Pinnwand

Nachdem die erste Vertrautheit mit dem Thema, mit der Inklusion und auch mit der Technik hergestellt wurde, geht es direkt rein in die Planung der Klänge, die aufgenommen werden sollen, und in den Aufriss einer Stadtroute, die von den Gruppen der Akteure erforscht werden sollen. Behilflich bei der Auswahl möglicher Anlauforte in der Stadt ist die Stadt- und Museumsführerin in Friedrichstadt, Frau Christiane Thomsen. Gemeinsam mit ihr konnten die Akteure sofort alle gewünschten Klang-Orte in der Stadt zuordnen und auf vier Guppen von Schüler und Schülerinnen aufteilen.  

StadtRouten und Forschergruppen

Gemeinsam sind wir überrascht, wie vielfältig sich ein Gang durch Friedrichstadt gestalten kann. Der Anlauf zu den Sehenswürdigkeiten vervollständigt sich durch die auditive Dimension einer Wegbereitung. Die lokalen Stationen und die dazugehörigen möglichen Klangereignisse sind festgehalten auf der Pinnwand. Jetzt gilt es, dass sich die Gruppen zusammen finden - nicht jeder hat gleichermaßen Lust auf die jeweiligen Ziele und Sounds - da gibt es schon Vorlieben, die heiß diskutiert wurden. Schließlich sind es Riesenunterschiede, sich für eine Autowerkstatt oder den Friedhof zu entscheiden oder den Pferdestall oder die Polizei, das Touristbüro, die Goldschmiede, die Kirche oder das Museum aufzusuchen. Jeder wollte eine spannende Tour haben und jeder bekam sie auch. Nachfolgend sind den Gruppen die jeweiligen Stadtrouten mit Stadtplan zugeordnet. Insgesamt 4 Gruppen machen sich auf den Weg. Unsere senbeeinträchtigen Akteure verteilten sich und tauschten wechselseitig die jeweiligen Gruppen, so dass jeder mal bei jedem dabei war.

Expedition I

 

 

 

Klangforscher Leo, Paul, Pascal und Dania mit Anna und Gruppenbegleiter Daniel Hofmann

 

 

On Tour

Expedition II

 

 

 

Klangforscher Niklas I, Niklas II, Finn, Ayleen und Sophie mit Gruppenbegleiter Ben Heuer

 

 

On Tour

Expedition III

 

 

 

Klangforscher Leonie, Gillian, Alex, Chantal und Sarina mit Hella und Gruppenbegleiterin Susanne Paulsen

 

 

On Tour

Expedition IV

 

 

Klangforscher Hanna, Svea, Kira und Cathrine mit Ingrid, Tobi und  Gruppenbegleiter Dirk Bertram

 

 

On Tour

Raum-Klang-Erfassung

Ausgehend von der Frage, inwiefern die akustische Umwelt mit ihren Klangräumen in einem übergeordneten Erkenntnis-System erfasst und auch gestaltet werden kann, erforscht auch in Nordfriesland der Projektverlauf die für eine Systematisierung möglicher Raum-Klang-Erfassung nutzbaren Wahrnehmungen. Ziel ist, weitere Antworten auf Fragen nach der Wahrnehmung und aktiven Gestaltung von Geräuschkulissen zu finden - ganz besonders zur Orientierung in städtischen, verdichteten Räumen mit einem vielschichtigen Grundrauschen. Hier geht es um die Dechiffrierung von Klangumwelten, wie sich in der akustischen Umwelt der Klang mit seiner Wechselwirkung zum hörenden Individuum verhält. Auch die Projektentwicklung in Friedrichstadt machte schnell klar, dass jeder einzelne Versuch unserer Akteure bereits ein individuelles, in sich schlüssiges Erklärungsmodell für eine Raum-Klang-Erfassung darstellt. Das ist eine großartige Leistung unserer Alkteure in Friedrichstadt und zieht sich durch den gesamten Projektverlauf. Dabei erschweren die Vielfalt der Ansätze und der zuweilen uneinheitliche/unsystematische Sprachgebrauch der Begrifflichkeiten nur scheinbar ein Zusammengehen mit Projektverläufen und Ergebnissen aus StadtKlängen der ausgewählten Orte.

Immer sind Klangumwelten in einzelne Klangereignisse zerlegbar, die gewollt, ungewollt, vermeidbar oder zielgerichtet geplant sind. Auch hier sind die Zugänge individuell, teils sehr persönlich. Und das ist das Schöne an diesem Projekt: Persönliche und übergreifende Ansätze, Konzentration und kollektiver Spaß, schräge und lineare Perspektive in der räumlichen Orientierung verbinden sich zu einem einzigartigen Erlebnis in Gemeinschaft, in dem auch die Beeinträchtigung in gegenseitigem Vertrauen und wechselseitiger Verantwortung füreinander als Chance erlebt wird. Das sind allesamt stabile Prämissen und Methoden für die Erforschung  unserer Klangumwelt und deren akustische Ausgestaltung. Insofern ist Friedrichstadt erfolgreich mit den Ohren neu entdeckt in einer sicheren Erlebnisgemeinschaft - unvoreingenommen mit kreativer Neugier und Inklusion.

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